„Juhuuuu! Endlich ist der letzte Schultag vorbei!“, schrie Marie, als sie in die Wohnung stürmte. Ich stand in der Küche und bereitete gerade das Mittagessen vor. Marie wedelte mit ihrem Zeugnis vor meinem Gesicht herum und grinste mich frech an. Ich schnappte mir den Wisch und überflog ihn. „Mhh, sehr gut, Kleines“, sagte ich zu ihr. „Jetzt schau doch genau, Mami!“ - Ich blickte also nochmals das Zeugnis an. Oh! „Wow, Kind! Ein Einser in Mathematik! Das ist ja super! Klasse. Das freut mich aber!“, sagte ich stolz zu ihr. Ich steckte Marie 20 Euro zu. „Hier, weil du so brav warst“, zwinkerte ich ihr zu. Sie rief freudig: „Hey, damit kann ich mir ja noch ein Buch kaufen. Für den Urlaub!“ – Ich schluckte. Ja, richtig der Urlaub stand ja fast vor der Tür. Hätte ich beinahe vergessen. Nein, vergessen nicht, eher verdrängt.
Marie verschwand in ihrem Zimmer und drehte die Musik auf. Und ich kramte hastig die Listen hervor, die ich bereits vor einigen Wochen gemacht hatte: „Was nehmen wir mit in den Urlaub/Was muss noch erledigt werden und besorgt werden…“ stand in großen Buchstaben auf den Blättern. Ich hatte sie einfach vergessen. „Ach, ich habe ja noch genug Zeit…“, redete ich mir immer wieder ein.
Hastig las ich die Listen durch. „Oh nein! Noch so viel zu erledigen“, stöhnte ich, „ob ich das noch alles schaffen werde?“ Naja, ich hatte ja noch knappe zwei Tage Zeit… Schnell wurden die Listen aktualisiert und ein Notfallplan erstellt. Ein Telefonat wurde getätigt und das Essen schnell fertig gemacht. Kind gerufen. Gegessen. Kind in das Auto verfrachtet und zur Oma geführt.
Gut, dann düste ich in das nächste Einkaufscenter. Vor lauter Stress und der großen Hitze draußen war ich schon nach kurzer Zeit verschwitzt. Ich verstand nicht, wieso wir in Urlaub fahren mussten, wenn es doch bei uns zu Hause schon so eine Affenhitze hatte… Ich stank. Auch das noch: Kein Deo in der Tasche!
Im Einkaufscenter angekommen, parkte ich den Wagen und stieg aus. Der Wagen stand quer auf zwei Parkplätzen. Aber egal. Keine zeit für solche Kleinigkeiten!
Ich lief, die Listen in der Hand, also direkt in das Einkaufscenter. Noch vier Stunden bis zum Ladenschluss! Sorgfältig erledigte ich Punkt für Punkt von der Liste. Ich kaufte für Marie eine neue Taucherbrille. Die Letzte ging auf Teneriffa verloren. Dann neue Badeschlapfen für Bernhard, meinen Mann. Ob sie ihm wohl gefallen würden? Egal! Keine Zeit, um nachzudenken. Blümchenmuster waren doch immer aktuell, oder?
Lesestoff, Proviant, Badetücher und Badematten, Sonnenbrillen mitsamt Etuis und ein paar Tuben Sonnencreme. Prima! Fast alles war erledigt! Fehlte noch ein Punkt: „Bikini für Mami“ stand da in Großbuchstaben mit drei Rufzeichen. Ich schluckte. Wenn ich noch etwas mehr hasste, als Einzukaufen in der letzten Minute, dann war es, ein Bikini für mich zu besorgen. Aber es half alles nichts. Da musste ich nun durch. Im letzten Urlaub hatte ich bewusst meinen Bikini „vergessen“, um im nächsten Jahr ja einen neuen kaufen zu müssen. So, und jetzt hatte ich keinen. Selbst Schuld!
Ich steuerte also auf das nächste Dessous-Geschäft zu. „Ich bedaure, wir führen keine Bademode“, sagte die Verkäuferin und grinste mich unschuldig an.
Also Versuch zwei: Mit rotem Kopf ging ich zu „Sports Dress“. Beim Eingang angekommen, konnte ich schon die Verkäuferin sehen, die auf Kunden lauerte. „Auch das noch!“, dachte ich. Also rein in den Löwenkäfig. Schon kam die „nette“ Dame auf mich zugestürzt. „Kann ich Ihnen helfen?“, säuselte sie mich an. „Jaja, schon gut, dann zeig mir was, du alter Schuh!“, dachte ich mir und sagte dem Drachen meine Wünsche. Sie führte mir die neuesten Trends in Sachen Bademode vor. Ich runzelte die Stirn. Hatte die Alte keine Augen im Kopf oder war sie blind? Was sollte ich mit String Tangs und Triangel-Bikinis anfangen??? Mein Hintern war vor lauter Cellulite-Beulen kaum als solcher zu erkennen, meine Brüste hingen bereits schlaff herunter. Ich war eben keine 20 mehr, hatte außerdem ein Kind geboren und ein Jahr lang gestillt. Freundlich versuchte ich die Verkäuferin darauf aufmerksam zu machen. „Oh, wir haben auch Badeanzüge!“, sagte sie und führte mir einen vor. „Model Uroma, wie?“, dachte ich mir. Ich bedankte mich mehr oder weniger freundlich und verließ das Geschäft.
Versuchte ich mein Glück eben bei H+M. Welch Glück! Kein Verkaufstier steuerte auf mich zu, als ich den Laden betrat. Niemand musterte mich von oben bis unten. Herrlich! Es gab nur wenig Auswahl, aber ich fand schnell das Passende. Probieren musste ich den Bikini aber auch noch. Und das hasste ich am Shoppen am allermeisten! Zuerst ewig langes Anstehen, bis man endlich in die Kabine kam und dann auch noch dieses schreckliche Licht und die Spiegel erst! Da sah man doch glatt 10 Pfund schwerer aus, als man tatsächlich war!
Mir blieb also nichts anderes übrig und ich stellte ich mich an der Schlange vor den Kabinen an. Ein Tagtraum half mir beim Warten: Ich sah mich, wie ich in der Sonne lag, freier Blick auf den Pool, genüsslich einen Cocktail schlürfte… Naja, vielleicht wäre ein Urlaub doch angebracht und vielleicht nicht mal so schlecht? - Ich verdrängte einfach die schrecklichen Erlebnisse der letzten Jahre. Zum Beispiel, als Marie aufs Klo wollte und dann die Türe fast eingetreten werden musste, weil das Schloss nicht mehr aufging. - Aber lassen wir das! Dieses Jahr würde alles anders werden! Vielleicht noch schlimmer?
Gut, dass bald eine Kabine frei wurde, sonst hätte mich vielleicht noch die Urlaubspanik erhascht und ich wäre geflüchtet. Weit, weit weg…
Ich zwängte mich also in die kleine Kabine. Das Neonlicht war grell. Ich kniff die Augen zusammen und wurschtelte mich in den Bikini. Im Spiegel betrachtend, dachte ich, dass es wohl besser gewesen wäre, wenn ich die Augen nie aufgemacht hätte. Ich sah schrecklich aus! Bleich, Verschlafen, strähnige Haare, und vieeel mehr Speckröllchen als letztes Jahr waren zu sehen. Wenigstens saß der Bikini einigermaßen. Schnell zog ich mich an, bezahlte den Bikini und genehmigte mir im nächsten Café ein Glas Sherry. Und das um diese Zeit… Naja… Hastig leerte ich mein Glas und stieg in das Auto. Ich konnte es kaum erwarten, Marie abzuholen und nach Hause zu kommen.
Abends, als mein Mann vom Büro kam, fragte er mich, was ich denn so getrieben hätte den ganzen lieben Tag. Ich erzählte ihm von den Urlaubsvorbereitungen. Stolz, dass ich alles geschafft hatte, goss ich uns einen edlen Wein ein. Ich prostete meinem Mann zu. Doch der begann zu lachen und platzte dabei fast. Er hielt sich am Bauch und konnte einfach nicht mehr aufhören. Was denn so witzig sei, fragte ich ihn. „Du hast Badeschlapfen und anderes Strandzeug gekauft?“, fragte er mich und sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Ich nickte. „Aber Schatz, kannst du mir einmal sagen, wofür wir das brauchen sollen? Wir fahren doch in den hohen Norden. Da ist es nicht so warm…“ – Mir blieb der Mund offen und ich war nicht fähig etwas zu sagen. So stand ich wohl einige Minuten still da. Ich hatte ganz vergessen, WOHIN wir heuer fahren wollten! Wie konnte mir nur so etwas passieren. Mein Mann gab mir einen Cocktail und langsam kam ich wieder zu mir.
Am nächsten Tag stand ich früh auf, denn ich musste ja noch Regenjacken und dicke Pullis für uns besorgen….